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Marthe-Saga Lesetour

Tourtagebuch 

Sinkkasten Frankfurt am Main - 13. Oktober 2011

"Der Bus ist voll funktionsfähig", versicherte der Mechaniker unseres Vertrauens, als wir Silver Bullet, wie wir unseren auserkorenen WerkZeugs-Tourbus kurzerhand genannt hatten, abholten.

"Das ist ja schön", entgegnete ich und nahm den Schlüssel freudestrahlend in Empfang.

"Nun ja, der Tacho und die Tankanzeige funktionieren halt nicht, aber das ist ja nicht weiter tragisch", offenbarte der Mechaniker mit einem Schulterzucken.

Ich war mir sehr sicher, dass ich mich verhört hatte. Kein Tacho… nicht tragisch, das passte nicht wirklich zusammen.

Ich hatte mich nicht verhört. Ich sollte nach Gefühl fahren. Frauen können das angeblich. Gut, dachte ich mir, was habe ich für eine Wahl. Einen neuen Tacho einbauen war genauso unmöglich, wie auf die Schnelle einen anderen Bus zu organisieren.

Der Bus sprang an. Das deutete ich als gutes Zeichen, dass nichts mehr schief gehen könne.

Mit der Information, dass ich spätestens alle fünfhundert Kilometer tanken solle, machte ich mich auf den Weg, nachdem Silver Bullet geladen und mein Gepäck verstaut war. Hatte ich als Tourbegleitung auch wirklich an alles gedacht? Bestimmt! Redete ich mir selbst ein. Das Werkzeugs-Team hat gut vorgearbeitet. Alle Kisten waren gepackt, die Wechselgeldkasse befüllt.

Los geht´s!

Die Tour zur Marthe-Saga startete am 13. Oktober 2011 mit Sabine Ebert, Adivarius und Rabenbanner. Der Knaur Verlag machte es möglich, diese einzigartige Lese-Reise zu präsentieren. Neben den genannten Künstlern betraute der Verlag uns, die WerkZeugs Kreativ KG, und die Agentur EAM mit der Organisation, Betreuung und Durchführung dieses Events. Mit Musik, Schwertkampf und Leseszenen, wollen wir ein Stück deutsche Hochmittelalter so authentisch wie möglich vermitteln, und die Reaktionen der Besucher auf die ersten Aufführungen vermitteln uns das Gefühl, dass uns das gelungen ist.

Nachdem ich unseren Tour-Fotografen, Bernd Schuhmacher, in Einöd im Saarland aufgelesen hatte, erreichten wir nach etwa zweieinhalb Stunden unser Hotel. Dort trafen wir auf Adivarius, die Band, die die Besucher der Show mit mittelalterlichen Klängen begeistern sollte. Auch Micha und Mike vom "Rabenbanner" waren schon vor Ort. Rabenbanner ist eine Reenactmentgruppe aus Bernau bei Berlin . Micha und Mike sind Experten für historischen Schwertkampf und sollen das Programm mit  besonderen Kampf- und Schwertszenen aus den Romanen von Sabine Ebert bereichern. Frank und Heike von der Agentur EAM beherrschten wie gewohnt das Chaos, bevor es überhaupt eintreten konnte.

Unsere erste Station war der Sinkkasten in Frankfurt am Main, ein seit rund vierzig Jahren bestehendes Kulturhaus im Herzen der Messestadt. Dort wurden wir freundlich vom Clubchef empfangen. Knabbereien, Getränke und Kaffee standen bereit. Der brachte mein Herz dazu, höher zu schlagen. Kaffee. Mein Lebenselixier.

Die Männer von Rabenbanner zückten sofort die Schwerter, um die Kampfszenen für die Show auf die Größe der Bühne abzustimmen, was angesichts der Deckenhöhe und der tiefhängenden Kronleuchter nicht ganz einfach war. Vor meinem inneren Auge sah ich bereits einen der Leuchter herunterkrachen. Es war in Sekunden zu erkennen, dass hier Profis am Werk sind, so dass sich diese Sorge rasch verflüchtigte.

Unser Techniker Maurice alias Peppi hatte inzwischen Mikrofone, Kabel und alles, was sonst an Technik benötigt wurde, installiert.

Die Bühne war schon dekoriert mit Sabines Thron, silbernen Kerzenleuchtern und den Sitzgelegenheiten für die Band.

Nun warteten wir gespannt auf unsere Hauptakteurin. Sabine wurde von Yvonne Schöneck, einer lieben Freundin, aus dem Hotel abgeholt und zu uns gefahren.

WerkZeugs und EAM kannten Sabine schon von früheren Veranstaltungen und wir freuten uns schon auf das Wiedersehen. Adivarius und Rabenbanner kannten Sabine bis dahin nur von ein paar telefonischen Absprachen, doch auch beim ersten persönlichen Aufeinandertreffen waren sie gleich auf einer Wellenlänge.  Ein paar letzte kurze Absprachen bei Pizza und Pasta, und schon ging es auf die Bühne.

Ich warf mich schnell in meine Gewandung, um die Besucher einem historischen Event gemäß begrüßen zu können.

Punkt zwanzig Uhr - der Club inzwischen gut gefüllt - schritten Mike und Micha vom Rabenbanner in historischem Rüstzeug voran auf die Bühne,  gefolgt von Adivarius. Und dann kam Sabine in ihrem aufwändig bestickten Kleid, das die bewundernden Blicke der Besucher auf sich zog.

Im Saal herrschte Stille, die einzig vom leisen Klingen der Glöckchen von Peets Schellenbändern unterbrochen wurde. Auch ich hielt den Atem an. Es ist doppelt aufregend und spannend, wenn man maßgeblich an der Organisation eines solchen Events beteiligt war.

Adivarius, bestehend aus Jordon am Dudelsack, oder auch Sackpfeife genannt, Peet an der Darabuka, Patrick am Bass und Nikolaos an der Davul eröffneten die Show mit dem Titel "Douce Dame". Bereits der erste Titel sorgte dafür, dass aus der Erwartung in den Gesichtern  Begeisterung wurde. Die Zuschauer klatschten und johlten, bevor Sabine sich vom Thron erhob und begann, "Den Traum der Hebamme" vorzustellen.

Sie begrüßte die Zuschauer, von denen einige sogar in Gewandung erschienen waren, was für sie eine gute Überleitung für eine Beschreibung ihres eigenen Kleides war. Sabine berichtete davon, dass es sich bei ihrem Kleid um ein hochmittelalterliches Bliaut aus Rohseide handelt, genäht nach einer Vorlage aus der Zeit zwischen 1150 und 1200 von einer Freundin. Bestickt hat Sabine es tatsächlich selbst. Im Tourwagen durfte ich  Zeuge davon werden, wie Sabine so nebenbei einen wunderschönen Almosenbeutel bestickte, den sie am Abend darauf dem Publikum präsentierte. Nachdem ich bald vor Neid erblasste, weil ich weder nähen, geschweige denn sticken kann, bot Sabine mir tatsächlich an, solch einen Beutel für mich zu nähen. Sabine Ebert wird mir einen Almosenbeutel nähen! Ich kann es kaum glauben.

Zurück zur Show.

Bernd, unser Tourfotograf, knipste, was das Zeug hielt, und hat  trotz relativ schlechter Lichtverhältnisse einige wunderbare Impressionen einfangen können, die Sie in diesem Beitrag bewundern können.

Natürlich möchte ich an dieser Stelle noch nicht zu viel verraten, um noch ein wenig Material für die nächsten Tourberichte übrig zu haben, aber der Abend war sehr stimmungsvoll und rund. Sabine begeisterte mit ihrer Lesung und ihren Erzählungen über die Marthe Saga, an der sie rund zehn Jahre gearbeitet hatte. Die Recherchen zu diesen Werken dauerten fast länger an als die reine Schreibzeit. "Ein wahres Lebenswerk", sinnierte ein Zuhörer, der sich den fünften Band an meinem Büchertisch gesichert hatte.

Die Jungs vom Rabenbanner gaben spannende Einblicke in Kampftechniken des Hochmittelalters. Sie stellten unter anderem eine Szene des Buches nach, in dem sich Lukas in einer anscheinend ausweglosen Situation befindet. Ob und wie er es schafft, sich aus dieser Situation zu befreien, kann - wie Markus Heitz sagen würde - aus dramaturgischen Gründen an dieser Stelle nicht verraten werden.

Neben Schwertszenen, in denen auch der sogenannte Buckler zum Einsatz kam, ein kleiner Faustschild, demonstrierten Mike und Micha auch mittelalterliche Techniken zur Entwaffnung eines Kontrahenten. Die Zuschauer litten hörbar mit Micha, der einige Male hart auf den Boden schlug. Aber ich kann Sie an dieser Stelle beruhigen. Alle Beteiligten der Show sind ohne Blessuren und Verletzungen davongekommen.

Adivarius sang die aus Sachsen-Anhalt stammenden "Merseburger Zaubersprüche" in dem nach den alten Überlieferungen heidnische Rituale erhalten geblieben sind. Das Publikum lachte, als Sabine fragte, ob die Zuschauer die heilende Wirkung der Zaubersprüche bereits spürten.

Tief berührt waren viele Besucher, als Sabine eine Szene vorlas, in der Marthe mit ihrem nicht nur an Leib und Seele verwundeten Sohn Thomas sprach.  Ein intimer Moment, kurz bevor der Sohn wieder in die Schlacht ziehen musste. Die Gesichter sprachen Bände, da wohl jede Mutter nachvollziehen kann, wie Marthe sich in diesem Augenblick gefühlt haben musste.

Nachdem Adivarius die Show mit dem stimmungsvollen Stück "Musica Dentalis" geschlossen wurde, unterhielt sich Sabine mit den Zuschauern und signierte Bücher.

Am nächsten Tag hatte Sabine noch einige Termine auf der Frankfurter Buchmesse und stieß dann am Samstag wieder zu uns, damit wir gemeinsam Richtung Saarland weiterfahren konnten.  

Diana Wolter - Werkzeugs Kreativ KG

 

Sinkkasten Frankurt am Main, 13. Oktober 2011